„Ich bin nicht da.“ 

Zur Ausstellung von Petra Fiebig im Pavillon des Gerhard-Marcks-Hauses, 2012

Yvette Deseyve, Kustodin Alte National Galerie, Staatliche Museen Berlin

 

Dem titelgebenden Statement der Künstlerin „ich bin nicht da“ stehen ein menschenleerer Raum, ein Sofa, Tisch, Schrank, Herd und Kühlschrank gegenüber. Mit diesem Interieur schafft Petra Fiebig eine Rauminstallation, in die der Betrachter eintritt, sich zunächst im menschenleeren Raum umschaut und orientiert, um dann die einzelnen Gegenstände näher zu betrachten und diese sichtbaren Zeichen zu deuten. Holz dominiert den Raum, ein einladendes, vielleicht sogar gemütlich zu nennendes Sofa an der Stirnwand. Rechts daneben ein mit Zetteln bestückter Kühlschrank. Darauf kleben Postkarten aus Venedig und Capri. Sind die Bewohner Italienliebhaber, Romantiker, oder ist es doch eher die Lust am Kitsch, die diese Karten aufbewahrungswürdig machen? Desweiteren finden sich dort Kinderzeichnungen sowie ein Abzug eines Holzschnitts, auf dem mantra-artig der Satz „Zur gleichen Zeit am gleichen Ort“ wiederholt wird. Weiter unten hängt eine Zeichnung, in der Art des Malers Gabriel von Max. Sie zeigt einen Affen, der ein Weinglas hält. Noch rätselhafter wird es auf den Seiten des Kühlschranks. Zu erkennen sind ein bizarr gesichtsloses Mädchen, ein grinsender, auf einem Fisch reitender Mann und ein Kücheninterieur, dessen Hintergrund seltsam mit der Oberfläche des Kühlschranks verschmilzt. Darüber der nicht gleich zu entziffernde Hinweis „Des Kühlschranks Sehnsucht nach der Küche“. All diese sichtbaren Zeichen deutet der Betrachter und setzt diese zu seiner ganz individuellen Geschichte von dem, der oder den vermeintlichen Bewohnern zusammen. 

Der Betrachter deutet diese Zeichen genauso wie er all diese sichtbaren und dreidimensional erfahrbaren Zeichen deutet, nämlich: als einen Kühlschrank, einen Herd oder eine Kommode. Was faktisch im Raum steht, ist jedoch lediglich ein weiß grundierter Pappkarton, auf dem die Kontur und Holzoberfläche eines Schranks gezeichnet sind, ein Herd aus Karton, der sofort in Flammen aufgehen würde, und Früchte, die nach Pappe schmecken. Die Künstlerin muss sich gar nicht erst bemühen, den Umriss eines Glases nachzuahmen, denn allein das Bild des Glases auf einem quadratischen Karton lässt den Betrachter die Illusion eines Glases aus schwerem Pressglas nachempfinden. Alles nur Augenwischerei?

Zwei kunsthistorische Stränge führen zum Werk von Petra Fiebig. Der eine aus der Malerei kommend, der andere aus der Bildhauerei. Zu ersterem: Der römische Gelehrte Plinius d. Ä. berichtet von den beiden Malern Zeuxis und Parrhasios. Keiner ihrer Zeitgenossen traute sich, ein Urteil zu fällen, wer denn der bessere Maler von beiden sei, und so entschlossen sich die beiden Künstler zu einem Wettbewerb. Der Ausgang der Geschichte ist bekannt: Zeuxis malte ein so lebensnahes Früchtestilleben, dass selbst die Vögel versuchten, die Trauben abzupicken. Parrhasios gelang es, sogar das geschulte Auge seines Kollegen zu überlisten, indem er ihn vor eine, mit einem Vorhang verhängte Leinwand führte, sodass Zeuxis erst bei dem Versuch den Vorhang aufzuziehen bemerkte, dass es sich um einen gemalten Vorhang handelte. Die Geschichte der beiden Bilder ist eines der berühmtesten Beispiele der Trompe-l’oeil-Malerei, der sogenannten Augentäuscher. Es war die Fähigkeit zur absoluten Mimesis, nach der die beiden Maler strebten. Beide Künstler versuchten eine perfekte Illusion von Wirklichkeit erzeugen. Auch Petra Fiebig entführt uns scheinbar in die Illusion eines bewohnten Zimmers. Aber es ist nur eine scheinbare Illusion. Die Künstlerin macht an jeder einzelnen Stelle dieser Raumobjekte klar, dass es sich nicht um Realität handelt, sondern um Kunst! Klar und offen bedient sie sich einfachster grafischer Mittel. In erster Linie ist es die Technik der Schraffur, die dichter oder weiter gesetzt Licht und Schatten erzeugen, sich überlagern, Richtungen angeben und damit Oberflächen beschreiben. Vor allem – und das ist für den Gesamteindruck entscheidend – negiert sie das wohl wichtigste Element zum Erzeugen von wirklichkeitsähnlichen Bildern: die Farbe.

Und damit zum zweiten kunsthistorischen Strang. Betrachten man das Werk aus der Perspektive der Dreidimensionalität, so weist die Arbeit Fiebigs auf die Tradition gemalter Skulpturen, die so genannte Grisaillemalerei, hin. Häufig an mittelalterlichen Altarretabeln zu finden, übernahmen die monochrom gemalten Figuren die Funktion von vermeintlich steinernen Altarwächtern, bisweilen entstanden ganze Scheinarchitekturen. Aber auch hier geht Petra Fiebig einen eigenen, neuen Weg, indem sie nicht im zweidimensionalen Bereich bleibt und Dreidimensionalität andeutet, sondern tatsächlich haptisch greifbare, dreidimensionale Objekte gestaltet. Damit schafft sie nicht nur Bilder eines Objekts, die Künstlerin schafft im wörtlichen Sinn Bildobjekte. Jeder einzelne noch so realistisch nachgezeichnete Gegenstand wird auf eine klare stereometrische Grundform reduziert. Fiebig beschränkt sich dabei auf die beiden Formen Quadrat und Würfel und macht so genau die Situation sichtbar, die Ausgangslage eines klassischen Bildhauers ist: Dieser hat einen einigermaßen rechteckig gesägten oder geschnittenen Block vor sich, auf dem das Bild eines Objekts aufscheint, welches es freizulegen gilt. Genau dieses Oszillieren zwischen dem abstrakten Block und dem realistisch gemalten Bild erzeugt im Betrachter eine Irritation. Eine „Fremd-Vertrautheit“, die zwar sofort das Erkennen des Gegenstandes oder einer ganzen Raumsituation ermöglicht, aber dennoch den Betrachter auf Distanz hält. Dass während der Betrachtung der Kunstwerke überhaupt ein Gefühl erzeugt wird, hängt maßgeblich damit zusammen, dass Petra Fiebig in ihren Werken immer die Frage nach dem Menschen stellt. Ihre Kunst lässt sich nicht auf ein ausgeklügeltes Spiel von Schein und Sein reduzieren, sie verweist immer noch auf eine inhaltliche Ebene. Fiebigs Arbeiten geben dem Betrachter das Gefühl von menschlicher Behaglichkeit und gleichzeitiger Isolation und Einsamkeit. Sie bietet einen distanzierten Blick, indem all das, was uns tagtäglich umgibt, plötzlich vor einer neutralen, weißen Folie betrachtet werden kann, um es letztendlich begreifen zu können.

Mit ihrer gezeichneten Rauminstallation, vor allem mit dem Wechsel von tatsächlich auf dreidimensionalen Raumkörpern gezeichneten Gegenständen und Gegenständen, die dem zweidimensionalen Bereich verhaftet bleiben, macht Petra Fiebig einerseits auf Grenzen der Wahrnehmung und andererseits Besonderheiten der Gattung Bildhauerei aufmerksam. In ihrer Arbeit thematisiert Petra Fiebig, was Bildhauerei ausmacht. Auf Abbildungen des Werks lässt sich kaum klären, welches dieser Objekte nun monochrome Wandmalereien und welche tatsächlich dreidimensionale Raumkörper sind. In der Fotografie ist Bildhauerei nur schwer wahrnehmbar. Selbst ein schräg gestellter Block lässt in der Fotografie die tatsächliche Tiefenausdehnung nicht erkennen. Dreidimensionale Objekte werden in der Fotografie auf einansichtige Bilder reduziert. Bildhauerei ist aber nun einmal die Erfahrung von Körper im Raum. Damit ist nicht nur das sich im Raum ausdehnende Kunstobjekt gemeint, welches sich in einem Raum behaupten kann oder kläglich untergeht, es ist damit auch die Betrachtung des Kunstwerks, die in einer räumlichen Situation stattfindet, bezeichnet. Erst beim Durchschreiten des Raums, beim Wechsel des Standpunktes, erkennt man, dass es sich beispielsweise bei den Äpfeln auf der Kommode um dreidimensionale Objekte handelt, das Sofa aber der flachen Wand verhaftet bleibt. Fotografie nivelliert diese Unterschiede. Eine Kunst – wie sie Petra Fiebig schafft –, in der das Unterscheiden von Zweidimensionalem und Dreidimensionalen elementar ist, kann nur im realen Raum wahrgenommen werden. Genau das macht die Kunst Fiebigs aber so stark und spannend: Es ist eine Malerei, die nach dem Raum fragt, und gleichzeitig eine Bildhauerei, die die Illusion sucht.